„Das nicht, bitte das nicht"
Kafka, Nabokov und das Un-Tier
„Gregor the beetle never found out that he had wings under the hard covering of his back. This is a very nice observation on my part to be treasured all your lives. Some Gregors, some Joes and Janes, do not know that they have wings.”
Vladimir Nabokov, Lectures on Literature, 1980
Wohl kaum ein Text hat die literarische Bildung deutscher Schülerinnen und Schüler so geprägt wie Franz Kafkas Die Verwandlung. Es ist kanonischer Teil deutschen Schullebens: In einem stickigen Klassenzimmer sitzen und über persönliche Entfremdung reflektieren. Und darüber, ob einen Crush auf einen Jungen aus der Oberstufe zu haben bereits ein frühes Anzeichen kafkaesker daddy issues ist. Überhaupt das Wort kafkaesk zu verwenden. Das Teenagergehirn denkt in Themen und Mustern und stellt die persönlichen und familiären Beziehungen von Kafkas Erzählung in den Fokus. Wenn man Glück hat, begleitet einen dieser Text jedoch bis ins Erwachsenenalter; dann vielleicht beginnt das erwachsene Gehirn, Sätze in Wörter und Wörter in ihre Partikel präzise zu sezieren. Es heißt wohl nicht umsonst Geistes-Wissenschaft.
Der junge Vladimir Nabokov mit einem Schmetterlingsbuch, 1907. Foto: Karl Bulla, via Cornell University Library, Nabokov’s Net exhibition. Gemeinfrei.
I.
„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.” – Kafkas berühmter Eröffnungssatz enthält drei Verneinungen, die die Vielschichtigkeit deutscher Etymologien illustrieren: Un-ruhig, un-geheuer, Un-geziefer. Dasselbe Präfix, drei verschiedene Operationen.
Unruhig: verneint den Zustand der Ruhe. Zwar ist, was verneint wird bekannt (Stille), jedoch richtet sich mit der Verneinung die Perspektive auf das Innere (alternativ könnte man ruhelos sagen). Gregor hat schlecht geschlafen, das Gegenteil eines ruhigen Schlafs, obgleich man sich fragen muss, ob jemals ruhige Träume als literarisch behandelnswert gegolten haben.
Ungeheuer: Hier wird es komplizierter. „Geheuer” – heimelig, vertraut, sicher – ist im Deutschen kaum noch selbstständig im Gebrauch; es überlebt fast nur in seiner Verneinung. Das „un-” hat das Positive so gründlich verdrängt, dass das Wort, das verneint wird, selbst zur Leerstelle geworden ist. Das Präfix hat sein Gegenteil geschluckt. Das Etymologische Wörterbuch des Deutschen definiert das verwandte mittelhochdeutsche gehiure als “nichts Unheimliches an sich habend”. Man dreht sich im Kreis.
Ungeziefer: Dies ist vielleicht die radikalste der Verneinungen. Das Wort stammt aus dem Mittelhochdeutschen: ungezibere, das nicht-opferbare Tier. „Geziefer” bezeichnete ursprünglich das Haustier, das zum Opfer taugte, das einen Platz in der sakralen Ökonomie hatte. Un-geziefer ist also jenes Tier, das nicht geopfert werden kann, das aus der symbolischen Ordnung herausfällt. Nicht Haustier (un-geheuer eben!), nicht Wildtier. Schädling wäre eine zu schwache Übersetzung; sie erfasst nur die praktische Lästigkeit. Was Kafka schreibt, meint: das konstitutiv Ausgeschlossene.
In diesem einen Satz, in diesen drei Un-Wörtern, deutet sich thematisch an, worin sich die Geschichte entfalten wird. Gregor fällt aus der heiligen Ordnung der Gesellschaft heraus und der erste Satz windet sich, dies sprachlich greifbar zu machen. Er ist kein Tier. Er ist ein Un-Tier. Kafka selbst auferlegte ein Bilderverbot: Als Die Verwandlung 1915 erscheinen sollte, fürchtete er, der Illustrator würde das Insekt zeichnen wollen: “Das nicht, bitte das nicht!”, schrieb Kafka aus Prag an seinen Verleger Kurt Wolff.
II.
Einer, der sich diesem Bilderverbot widersetzte, war Vladimir Nabokov. Nabokov hatte die russische Heimat verlassen und war seit 1945 amerikanischer Staatsbürger; er war Antifreudianer aus Überzeugung und Lepidopterologe von Beruf. In den 1950er Jahren lehrte er Literatur in Cornell und hielt eine Reihe heute berüchtigter Vorlesungen über Klassiker der Literaturgeschichte. Der Symbolbegriff der Psychoanalyse interessierte Nabokov wenig. Seine Methode, ähnlich den russischen Formalisten, bestand in der Ostranenie, dem Verfremden des Bekannten. Dessen Ziel, nach Viktor Šklovskij, ist es, die Alltagsbetrachtung zu ent-automatisieren. Aber wie betrachtet man das bereits Verfremdete, das Un-heimliche?
Nabokov lehnte die emotionale Identifikation mit literarischen Figuren ab, sei es aus Nostalgie oder bloßem Unterhaltungsbedürfnis. Als Leser solle man zunächst die Architektur des Werkes und seine kunstvollen Details nachvollziehen und sie in einem zweiten Schritt entschlüsseln. Nabokovs idealer Leser vereint den künstlerischen und den wissenschaftlichen Geist. So tritt dieser Metapher und Allegorie entgegen, in einem mühevollen Akt des Anatomierens.
Nabokov seziert das Ungeziefer präzise: Anzahl der Beine: mindestens sechs, wahrscheinlich sechs, also ein Insekt. Form: konvex auf beiden Seiten, Bauch und Rücken. Farbe: braun. Mandibeln: vorhanden und stark (Gregor benutzt sie, um den Schlüssel umzudrehen). Körperlänge: er schätzt etwa drei Fuß. Das alles ergibt, so Nabokov, keinen Kakerlak (Kakerlaken sind flach, Gregor ist konvex) sondern einen Käfer. Einen großen, braunen, hundegroßen Käfer. Die Haushälterin nennt ihn Mistkäfer, Dungkäfer. Nabokov korrigiert sie freundlich: Das stimmt entomologisch so nicht. Sie meint es nett.
Bis hierhin ist die Lektüre fast amüsant: ein Schriftsteller von Weltrang, der Kafkas Metamorphose nach den Regeln der Entomologie bespricht. Ist denn die Frage, ob Gregor sechs oder mehr Beine hat, von tragender Relevanz? Wäre sie nicht, wenn es Nabokov tatsächlich nur um Instektenbestimmung gehen würde. Doch schließlich stellt dieser fest: Käfer dieser von ihm bestimmten Art haben unter den Flügeldecken zusammengefaltete Flügel. Kleine, fragile Flügel, die sich entfalten lassen, die den Käfer über weite Strecken tragen können. “Gregor the beetle never found out that he had wings.” Er ist nie geflogen. Er hat es nicht einmal versucht. Seine Beobachtung ist keine symbolische: Gregor, das Tier ohne Kategorie, trägt eine verborgene Fähigkeit in sich, von der er nie erfährt. Diese ergibt sich aus Nabokovs konsequenter Lektüre der Verwandlung selbst: Nabokov kann die Flügel nur sehen, weil er klassifiziert hat. er weiß, was Käfer unter den Flügeldecken tragen. Die Methode des Lepidopterologen produziert einen echten Befund. Die Flügel sind real.
Nabokovs Gregor ist ein Tier. Drei Fuß, braun, konvex, mit Mandibeln und versteckten Flügeln. Kafkas Gregor ist ein Ungeziefer – das nicht-opferbare Tier, das Tier ohne Kategorie, das Tier, das dadurch definiert ist, dass es zu keiner Kategorie gehört. Nabokovs Klassifikationssystem macht aus dem Un-Tier ein Tier. Es rettet etwas Echtes und opfert dabei doch vielleicht genau das, was der Titel schützt. Letztendlich ist dies die strukturelle Konsequenz einer Methode. Und doch muss man fragen: Löst, wer klassifiziert, notwendigerweise jegliche Ambiguität auf?
Ein Sprachmodell, das gefragt wird, in was sich Gregor Samsa verwandelt, antwortet: Kakerlake, oder Käfer, oder Insekt. Es kann nicht antworten: Ungeziefer; jedenfalls nicht in dem Sinne, in dem das Wort im Deutschen existiert. Es kann das Wort produzieren und vielleicht sogar erklären, doch die semantische Struktur des un- Präfixes (Verneinung ohne positive Bestimmung, Ausschluss ohne Einschluss woanders) lässt sich nicht in eine Wahrscheinlichkeitsverteilung überführen. Das ist keine technische Einschränkung, die sich mit mehr Trainingsdaten beheben ließe. Es ist die Logik des Systems. Nabokov wendet eine verwandte Logik an und findet dennoch die Flügel. Der Unterschied liegt nicht in der Methode allein, sondern vielmehr in der Lektüre: in der Zeit, die sie sich nimmt, in der Aufmerksamkeit, die sie dem Text schuldet.
Käferförmige Taschenuhr, Schweiz, ca. 1850–60 (17.101.55). The Metropolitan Museum of Art, Public Domain.
III.
Gregor Samsa stirbt in seinem Zimmer, ohne geflogen zu haben. Kafka weiß das. Nabokov weiß das auch und er schreibt es trotzdem auf, diesen Satz über die Flügel, als wäre es ein Trost: Some Gregors, some Joes and Janes, do not know that they have wings. Das ist der Moment, in dem Nabokov den Lepidopterologen verlässt und als Schreibender selbst spricht. Die Methode hat ihn zu den Flügeln geführt; die Flügel führen ihn heraus aus der Methode.
Das Un-Tier hat Flügel. Das Un-Tier weiß es nicht. Und es bleibt, was es ist: das nicht-opferbare Tier, auch dann, wenn die Taxonomie ihm einen Namen gibt.


