I am Odysseus, Destroyer of the Bronze Age
The Odyssey erzählt von einem weiteren tragischen Helden, der die Welt zerstören musste, um sie zu retten
Fatti non foste a viver come bruti,
ma per seguir virtute e canoscenza.Ihr seid nicht gemacht, um wie Tiere zu leben,
sondern um Tugend und Wissen zu verfolgen.Dante Alighieri, Inferno, Canto XXVI, 119–120
Arnold Böcklin, Odysseus und Kalypso (1882)
I.
Emily Wilsons Übersetzung der Odyssee aus dem Jahr 2017 beginnt mit einem Vers, den Christopher Nolan selbst als Inspiration für seinen Film zitierte: tell me about a complicated man. Das griechische Original lautet: Ándra moi énnepe, Moûsa, polytropon. Sing mir, Muse, vom Mann der vielen Wege. Polytropos meint bei Homer: der viel Gewandte, der viel Gewendete, der sich in viele Richtungen drehen kann. Es bezeichnet beides: die Wege, die Odysseus gegangen ist, und die Art, wie er ihnen begegnet, durch List und Verwandlung, durch Klugheit und Tricks. Emily Wilson hat gute Gründe für ihre Übersetzung angeführt, und doch mangelt es seit der Premiere von Nolans Film nicht an Kritikern, die plötzlich das griechische Epos und seine Übersetzungsgeschichte für sich entdecken. Man streitet darüber, was für ein Mensch Odysseus ist und was Authentizität bedeutet. „Sprachkritik” wird hier instrumentalisiert, um eine vermeintliche Missinterpretation des Epos zu belegen. Es ist überhaupt das Wort, um das dieser Essay kreisen muss. Denn polytropos heißt nicht nur: einer, der viele Wege geht. Es beinhaltet bei Homer auch immer, so zu erzählen, dass man ihm die Wege glaubt.
II.
Wilson übersetzt Homers Odysseus als complicated man, und wenn Christopher Nolan eins liebt, dann ist es, Filme über sein Verständnis eines complex male character zu machen. Homers Odysseus ist klug und gewitzt und sprachgewandt und entkommt zugleich nur knapp den Fallstricken seiner eigenen Überheblichkeit. In Nolans Film wird Odysseus zum brutalen Kriegsführer, der zugleich Eigenschaften eines modernen Helden trägt – er liebt seinen Hund und betrügt seine Frau nicht. Die vielen Wendungen Odysseus’ und die Komplexität seiner Schuld laufen in seinem Inneren zusammen. Das kennen wir aus anderen Filmen Nolans: Oppenheimer baut die Bombe, um dem Feind zuvorzukommen, und erschafft das Instrument des nächsten Zeitalters des Schreckens. Cooper verlässt seine Familie, um die Menschheit zu retten. Cobb bricht in fremde Träume ein, um im eigenen nicht unterzugehen. Nolan liebt Männer, die das Richtige aus den falschen Gründen tun, oder das Falsche aus den besten. Sein Odysseus passt in diese Reihe.
Emily Wilson selbst hat dieses Muster benannt:
„Homers Odysseus ist ein complicated man – polytropos. Matt Damons Darstellung im Film hingegen erinnert eher an den traumatisierten Jason Bourne. Er ist ein Actionheld, der darunter leidet, ein Actionheld zu sein. […] Wir sehen ihn nicht einmal das Trojanische Pferd bauen, was ich für eine interessante Entscheidung halte. Wir haben hier einen tech hero, doch wir sehen ihn nie dabei, diese Technologie zu bauen. Stattdessen sehen wir ihn damit ringen, welche Folgen diese Technologie nach sich zieht.”
Polytropos ist aber auch, und vor allem: der Mann, der sich selbst erzählt. Ein Meister der Selbstdarstellung. Die überlieferten Irrfahrten des Odysseus sind im Epos hauptsächlich Monolog: Nachdem er Kalypso verlassen hat und auf der Insel Scheria gestrandet ist, sind die Bücher neun bis zwölf der Odyssee seine Erzählungen vor den Phäaken, die ihn nach Ithaka bringen sollen. Odysseus erzählt ihnen von Zyklopen, Sirenen, der Unterwelt – Geschichten, die niemand überprüfen kann, aus dem Mund eines Fremden, den niemand kennt. Und es funktioniert: Weil er sie überzeugt, geben sie ihm sicheres Geleit, ohne Gegenleistung, ohne Beweis. Auch hier gilt (frei nach Aristoteles’ Rhetorik): „Überzeugend ist das, was jemanden überzeugt (pithanon tini pithanon)”. Man muss nicht unbedingt recht haben. Man muss nur gut klingen. Genau dafür wird er, einige Jahrhunderte später, in der Hölle landen.
III.
Dante Alighieri begegnet Odysseus im Inferno, in Canto 26, in der achten Ebene der Hölle, eingeschlossen in eine züngelnde Flamme. Hier büßen die „falschen Ratgeber”, die ihre Sprache gebraucht haben, um zu schaden und zu täuschen – dieselbe Sprache, mit der Odysseus sich auf Scheria sicheres Geleit erzählt hat. Geführt von Vergil, ist Dante erschrocken und begeistert über den Anblick des griechischen Helden – so sehr, dass er beinahe über den steinigen Abhang in die Flammen stolpert. Auch Dante, könnte man sagen, gibt ihm fast freies Geleit. Vergil, der die Aeneis selbst nach homerischem Vorbild schrieb, muss zwischen Dante und Odysseus vermitteln. Letzterer erzählt: Nach der Rückkehr aus Troja konnte er nicht in Ithaka bleiben. Weder die Liebe zu Penelope noch zu seinem Sohn war stärker als der Zug zur Welt, das Verlangen nach Erfahrung. Odysseus brach also mit den alten Gefährten gen Westen auf – über die Säulen des Herkules hinaus, die Grenze, die dem Menschen eigentlich gesetzt ist.
Dort hielt er seinen Männern eine letzte Rede: „Ihr seid nicht zum Leben wie die Tiere gemacht”, rief er. „Ihr seid gemacht, um Tugend und Wissen zu verfolgen!” „Fatti non foste a viver come bruti, ma per seguir virtute e canoscenza!“ Sie fuhren also weiter, erreichten einen Berg am Horizont, den Berg des Fegefeuers. Und dann die göttliche Strafe: ein Sturm, der das Schiff dreimal drehte und dann in die Tiefe riss.
Verdammt wird Odysseus hier nicht für die Reise allein, sondern für die Rede, die zu ihr führte – dafür, dass er seine treuen Gefährten durch dieselbe Kunst zu Instrumenten macht, mit der er einst die Phäaken für sich gewann. Virtute e canoscenza ist die schönste Rhetorik in der Hölle und wird hier zum Schlachtruf, mit dem erschöpfte alte Männer in den Tod getrieben werden. Dantes Darstellung ist wesentlich von Vergils Aeneis geprägt, aber auch von Lucans Pharsalia, wo dieser Julius Caesars Überschreitung des Rubikons als furor beschreibt – als entfesselte, gottlose Ambition, die keine Grenze anerkennt, als eine Kraft, die vorwärtsdrängt, weil sie nicht aufhören kann. Dante erinnert sich aber wohl auch an die Brüder Ugolino und Guido Vivaldi, die nur wenige Jahrzehnte vor der Abfassung der Comedìa einen der ersten Versuche wagten, das Meer hinter Gibraltar zu befahren, und auf See verloren gingen. Dante verschmilzt den Mann mit Forschungsdrang mit dem blutdurstigen Krieger. Was herauskommt, ist eine Figur mehr der Versuchung denn der Tugend: einer, der die richtigen Worte sagt und damit das Schlimmste anrichtet.
Und dennoch kann Dante nicht umhin, ihn ein wenig zu bewundern. Sein Convivio beginnt mit dem ersten Satz aus Aristoteles’ Metaphysik: „Alle Menschen begehren von Natur aus zu wissen.” Der Wissensdrang ist das Menschlichste, was es gibt. Und doch stürzt es den Mann, der ihn bis ans Ende verfolgt, nun in die Flammen der Hölle. Die gleiche Rede, die einen nach Hause bringt, kann einen auch dorthin bringen, wo es kein Zuhause mehr gibt.
IV.
„Our Age of Bronze is collapsing”, stellt Christopher Nolans Odysseus fest, in einem müden Versuch, die vierte Wand zu durchbrechen – was ungefähr so viel Sinn ergibt, wie einen Soldaten in einem Film über Verdun die Brutalität “dieses Ersten Weltkrieges” zu beklagen. „Wait, are WE the sea people?”, fragt Anne Hathaways Penelope (sinngemäß) entsetzt, in den Armen ihres Mannes liegend, und spielt damit auf das vielleicht einzige Konzept an, das der Film häufiger erwähnt als das Gesetz des Zeus.
Der “Bronze Age Collapse” ist eine stark vereinfachte Darstellung eines der großen Rätsel der Altertumswissenschaft: Innerhalb weniger Jahrzehnte sollen die Palastzivilisationen des östlichen Mittelmeers zusammengebrochen sein. Ägyptische Quellen um Ramses III. gelten als Zeugen für die Seevölker als Verursacher, lassen sich aber auch als Propaganda lesen – schließlich gilt: Je gefährlicher die Feinde, desto glorreicher der Pharao. Die Gegenhypothese dreht das Argument um: Nicht die Seevölker haben den Kollaps verursacht – der Kollaps hat die Seevölker produziert: Entwurzelte, die aus zusammenbrechenden Strukturen herausgefallen waren und über die Überreste zogen.
Die stärkste Kritik an beiden Theorien jedoch lautet, dass sie mit der Katastrophe beginnen und Beweisstücke als Bestätigung heranziehen. Die Frage „Seevölker als Täter oder Produkt?” ist an sich schon schlecht gestellt. Heute gilt „Seevölker” zumeist als ein modernes historiographisches Konstrukt, als ein Sammelbegriff für verschiedene Phänomene, und nicht als eine Bezeichnung für ein klar definiertes Bündnis. Was wir Kollaps oder Zusammenbruch nennen, war möglicherweise eine mehrere hundert Jahre andauernde Transformation, die wir als Katastrophe lesen, weil wir mit dieser Erwartung darauf geschaut haben. Dabei wurde vieles kontinuierlich tradiert: Homers Epos selbst hängt an einer Erzähltradition, die die Bronzezeit überlebt hat – tell me, Muse, of a complicated man.
Immer wieder blendet der Film zurück auf Odysseus in Troja, wie er auf den Treppen des Palasts liegt und mit Entsetzen auf das aufgerichtete hölzerne Pferd inmitten der brennenden Stadt starrt. Man muss an Nolans Oppenheimer denken, der zusieht, wie die Bombe fällt. „I am become death, destroyer of worlds.” Der kluge Mann, der den falschen Krieg gewinnt und es weiß. Ein tragischer Held. „I am Odysseus, collapser of the Bronze Age.”
Sind wir gerade Zeuge einer Transformation oder einer Katastrophe? Wer ist Täter, wer Opfer – wer Ursache oder Produkt? In jedem Fall verlässt das Publikum das Kino mit dem Gefühl, etwas Wichtiges gedacht zu haben: Wir leben in komplizierten Zeiten. Denn wer eine so schön klingende Frage stellt, bekommt in der Regel sicheres Geleit nach Hause, auch wenn er die Antwort schuldig bleibt. Selbst Dante ist fast in die Flammen gefallen, weil Odysseus’ Rede so überzeugend war. Das ist Odysseus auf Scheria, im Blockbuster-Format, im Jahr 2026.


